25. März 10 | Autor: schallmey | 0 Kommentare | Kommentieren
Eine Dokumentation - keine Legende!
Aus Moskau kam er nicht, der Befehl. Gorbatschow hatte mit dem Satz „Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben“ eher vor einem Blutbad gewarnt als dazu aufgerufen. Die gewohnt Moskau treuen Berliner SED-Betonköpfe waren am Abend des 9. Oktober 1989 vor der Entscheidung „abgetaucht“ und hatten die Leipziger Bezirks-Betonköpfe, am Telefon wartend, allein gelassen. „Jetzt sind sie rum“ (um den Leipziger Innenstadtring) soll der Ranghöchste, Helmut Hackenberg, vor dem schweigenden Telefon der SED-Bezirks-Machtzentrale gegen 19 Uhr enttäuscht gesagt haben.
Die unteren Dienstgrade von Polizei und Militär, bis an die Zähne bewaffnet, waren in Angst und Bange um ihre Frauen, Kinder und Freunde. In den Leipziger Betrieben und der Karl-Marx-Uni hat die zivile SED-Soldateska den ganzen Tag lang die Bevölkerung vor der konsequenten Niederschlagung der Abenddemo gewarnt. Aus der mittleren Ebene der SED-Militärs, von den perfekt integrativen Befehlsempfängern und zugleich Befehlsgebern kam die größte Gefahr. Die Parole war: „Heute wird ein für alle mal Schluss gemacht mit der Konterrevolution!“

Ein dokumentiertes, historisch brisantes Ereignis:
Ein Oberstleutnant, Stabschef der 21. Bereitschaftspolizei „Arthur Hoffmann“, kaserniert in der Essener Straße in Leipzig, gab am 9. Oktober 1989 in Vorbereitung des abendlichen Einsatzes im Rahmen einer Belehrung seinen prophylaktischen Schießbefehl: „Wenn sie auf meinen Befehl nicht auf das bewusste Knöpfchen des PKT drücken, dann stehen sie am nächsten Tag wegen Befehlsverweigerung vor dem Militärstaatsanwalt“. (PKT war das Kürzel für die Maschinengewehre im Turm der gepanzerten Fahrzeuge.) Über diese Belehrung haben sich die Bereitschaftspolizisten im Januar 1990 in einem Brief an das Leipziger Bürgerkomitee, Sachgebiet Betriebsräte/Gewerkschaften, beschwert. Am 7. März 1990 fand in der Leipziger Braustraße 17 ein historisches Gespräch statt. Das Protokoll enthält die Sätze: „Der oben genannte Brief wurde verlesen. Herr OSL Wächtler akzeptierte im Gespräch, dass die im Brief dargestellte Formulierung bzgl. des „Knöpfchendrückens“ von der inhaltlichen Aussage her wahr ist.“ Das archivierte (und heute vergessene) Protokoll wurde unterschrieben vom OSL Wächtler und vom damals zuständigen Bürgerkomitee-Mitglied Mey.
Die Unterlagen zu diesem Vorgang wurden zugeleitet dem Staatsanwalt des Bezirkes Leipzig, dem Militärstaatsanwalt Leipzig und im zeitlichem Abstand zweifach dem Sächsischen Staatsministerium des Inneren. In verschiedenen Antwortschreiben bis 1992 können Formulierungen wie „zur weitern Bearbeitung übergeben“ oder „willkürliche Maßnahmen also nicht möglich“ im ABL Archiv Bürgerbewegung Leipzig e. V. nachgelesen werden.
Im Januar 1993 wurde aus Dresden mitgeteilt, dass der Referatsleiter für Organisation der Bereitschaftspolizei, Polizeioberrat Alfred Wächtler, kurz vor seiner Verbeamtung steht. Die archivierten Dokumente von 1989/90 (Brief der Bereitschaftspolizisten, Gesprächsprotokoll, Schriftverkehr) waren damals noch „warm“. Die Printmedien hatten darauf Zugriff und berichteten ab 28. Januar 1993 am laufenden Band und im Osten Deutschlands flächendeckend.
Für die Dresdener Staatsregierung waren diese Zeitungsberichte extrem peinlich. Am 27.1.1993 hieß es gegenüber der Leipziger Volkszeitung, die Unterlagen müssten erst zusammengesucht werden. Bevor dies geschah, reiste im Februar 1993 der hohe Beamtenhelfer Polizeidirektor a. D. Hubertus Nowak, ehemals Leiter der Polizeidirektion Ulm, von Dresden nach Leipzig. Er hatte noch vier Ohren mit, die außer „Guten Tag“ und „Auf Wiedersehen“ nichts gesagt haben. Roland Mey empfand es so, als sollte zunächst eruiert werden, ob vielleicht für den anderen, nicht zur Verbeamtung vorgesehenen Protokoll-Unterschreiber vom 7.3.1990 eine „amtliche Psychopath- Abstempelung“ möglich ist; ganz im Sinne der Stasi-Methode GHG. Guck und Horch liefen sehr stasikonform; Greif war glücklicherweise nicht mehr möglich! Als dem Wessi-Helfer die „Irreerklärung“ unmöglich schien, da wurde das ungleiche „3 zu 1 Treffen im Leipziger Rathaus“ grotesk: Der Mann aus Ulm behauptete ernsthaft, dass die Schießbefehl-Belehrung nur der selbstverständlichen „Fürsorgepflicht eines Vorgesetzten gegenüber seinen unterstellten Mitarbeitern“ geschuldet war. Erst die Gegenfrage nach der Fürsorgepflicht gegenüber den 70 tausend Montagsdemonstranten brachte den Leitenden Polizeidirektor a. D. zum Nachdenken über den vorauseilenden Gehorsam des SED-Kommandeurs.
Leipzig, 20 Jahre nach der ddR, am 7.3.2010
Nachwort zum prophylaktischen Schießbefehl
Das Schlimmste in der DDR war für mich die geistige Unterdrückung; die fehlende Schreibe- und Redefreiheit! Als diese mit unserer deutschen demokratischen Revolution erkämpft war, habe ich als ehemaliger „Schütze Arsch im letzten Glied“ in einem Wonnegefühl von Rede- und Schreibefreiheit quasi „gebadet“. Zwischen 1989 und ca. 1994 erschienen von mir unzählige Artikel in verschiedenen Zeitungen (FAZ, Die Zeit, Die Welt, LVZ u. a.). Von 1990 bis 1994 war ich Stadtratsmitglied in Leipzig. Die DDR hatte ich mit der „Methode Humor“ für mich erträglicher gemacht. Diese Methode hat mir in den folgenden Jahren geholfen, die verschiedenen persönlichen Enttäuschungen „der freien Welt“ besser verarbeiten zu können. Das sollte bekannt sein, bevor weitergelesen wird.
Im Leipziger Bürgerkomitee hatten meine Freunde und ich 1989/90 situationsbedingt ein naives Bild vom westdeutschen Bürger: fachlich kompetent, charakterlich sauber und grundsätzlich in weißer Weste. Am 6.10.1993 veröffentlichte die FAZ meinen Artikel „Leipziger Erfahrungen mit westlichen Helfern“ mit dem Satz „Ich kann mich an keine persönliche Einschätzung erinnern, die so extrem verfehlt war.“ Unmittelbar danach erhielt ich schriftlichen Beifall von einigen FAZ-Lesern aus dem Westen. Während meines „bundesrepublikanischen Lebens“ sammelte ich weitere solche Erlebnisse im Gedächtnis. In meinem Buch „Humoresken aus der DDR“ mit dem Untertitel „SED-Diktatur erlebt als Elend, in Schlaraffia und im Bürgerkomitee Leipzig“ - ISBN 978-3-9811061-3-8, www.osirisdruck.de, „Selbstverlag“, 100 Seiten mit 14 Bildern/Grafiken, 1. Auflage Leipzig 2007 - steht auf Seite 89 die komprimierte Konsequenz meiner Lebenserfahrung: „Wer Doktor ist, bestimme ich! Das ist in vernünftigen Zeiten ein schizophrener Satz; aber in schizophrenen Zeiten ein vernünftiger Satz. Welche geistigen Zeiten wir jetzt haben, das muss ich allerdings jedem Leser selbst überlassen.“
Historiker und Interessierte können in den Stadt-Archiven von Leipzig und Frankfurt am Main eine andere umfangreiche Dokumentation sichten unter dem Titel „Das Zusammentreffen von Profession und Vision nach friedlicher Revolution“. Dort soll später auch ein Unikat, die Familie spricht bezüglich Größe und Format von meinem „narzisstischen Telefonbuch“, mit mehr als 100 A4-Seiten Zeitungsberichten aus dem „Schallmey-Verlag Leipzig 1994“ archiviert werden unter dem inzwischen antiquierten Titel „Biete hochinteressante vierjährige Leipziger Ossi-Umbrucherlebnisse - suche hochkarätige sattelfeste Frankfurter Wessi-Karriere.“
Die Geruchsproben und der O-Ton:
Vor einiger Zeit besuchten mich zwei junge Historiker mit Apparaten aus dem Archiv Bürgerbewegung Leipzig. Sie hatten mehr als 100 „Funde“ von mir oder über mich gefunden und nannten das „Fundstellenübersicht“. Nun wollten sie von mir zwar keine Geruchsprobe, wie für die Stasi-Hunde üblich; aber sie haben mir einen so genannten O-Ton „abgenommen“. Jetzt hoffe ich, dass die sich mit "ihrem" Originalton total verschätzt haben. Ich will nämlich noch viele Jahre in Schulen Zeitzeugengesprächen realisieren unter dem Motto: Mit historischem Humor ohne Belehrung zur politischen Bildung!
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Der Schießbefehl vom 9.Oktober 1989
--------------------------------------------------------
… wurde prophylaktisch erteilt
in der Kaserne in der Essener Straße (7025 Leipzig)
in Vorbereitung der 21. VP-Bereitschaft „Arthur Hoffmann“ auf den Einsatz gegen die Demonstranten vom 9. Oktober 1989.
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… wurde 2010 in der Hoffnung auf Aufarbeitung erneut archiviert im Archiv Bürgerbewegung Leipzig (ABL) und
im Zeitgeschichtlichen Forum Leipzig.
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Zum Schießbefehl vom 9. Oktober 1989
Legende: Der Schießbefehl, der zu unser aller Glück „nur“ ein prophylaktischer war, wurde im Rahmen der Vorbereitung auf den Einsatz am Abend durch den „vorauseilenden Gehorsam“ eines militanten SED-Kommandeurs am 9.10.1989 an Bereitschaftspolizisten gegeben. Die „Befehlsunterlagen“ wurden 1990/91 archiviert, im Januar 1993 von den Printmedien „aufgestöbert“ und danach von uns allen wieder vergessen. In keinem Buch wird darüber berichtet; weder im historisch wichtigen Buch von Martin Jankowski „Der Tag, der Deutschland veränderte – der 9. Oktober 1989“; Evangelische Verlagsanstalt GmbH, Leipzig 2007, noch im schönen Heft von Doris Mundus „Leipzig 1989 – eine Chronik“, Lehmstedt-Verlag, Leipzig 2009, wo der historisch brisante Vorgang eigentlich hin gehört.
Dass der Sächsische Revolutionsgeschichtsschreiber Nr. 1A Michael Richter, der lange Jahre am Dresdner Institut für Totalitarismusforschung auf Kosten der Steuerzahler viel Papier beschrieben und in Druck gebracht hat, im Jahr 2010 von einem Journalisten (Die Welt) als "Der fleißige IM Thomas" enttarnt wurde, hat in Fachkreisen eingeschlagen wie eine Bombe. Mir wurde erst danach klar, warum der mit an die neue Zeit angepassten Methoden weiter arbeitende IM Thomas meine zugearbeitete "Dokumentation zum Schießbefehl vom 9. Oktober 1989" in seinen Büchern immer wieder ignoriert hatte. Insbesondere die SED-Soldateska der mittleren Ebene in Zivil sowie in Uniform hatte sich damals sehr konkret auf die blutige Zerschlagung der Friedlichen Revolution vorbereitet.
Seit Oktober 2011 wird in Leipziger Buchhandlungen, an den Büchertischen im Leipziger Stasi-Museum in der "Runden Ecke" sowie im Zeitgeschichtlichen Forum und im Internet unter www.osirisdruck.de das Buch "Der Schießbefehl am 9. Oktober 1989" mit dem Untertitel "... mit den Dokumenten des Schreckens und vielen Erlebnissen aus der DDR" für 10,- € zum Kauf angeboten. Das Buch des Autors Roland Mey ist im Verlag OsirisDruck Leipzig erschienen, hat das Format A5 und 138 Seiten. Wer noch immer die Gefahr der blutigen Niederschlagung der firedlichen Oktoberrevolution von 1989 im historischen Rückblick verkennt, der kann in diesem Buch nachlesen und Dokumente sichten.
Roland Mey, Leipzig 2011
Aus Moskau kam er nicht, der Befehl. Gorbatschow hatte mit dem Satz „Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben“ eher vor einem Blutbad gewarnt als dazu aufgerufen. Die gewohnt Moskau treuen Berliner SED-Betonköpfe waren am Abend des 9. Oktober 1989 vor der Entscheidung „abgetaucht“ und hatten die Leipziger Bezirks-Betonköpfe, am Telefon wartend, allein gelassen. „Jetzt sind sie rum“ (um den Leipziger Innenstadtring) soll der Ranghöchste, Helmut Hackenberg, vor dem schweigenden Telefon der SED-Bezirks-Machtzentrale gegen 19 Uhr enttäuscht gesagt haben.
Die unteren Dienstgrade von Polizei und Militär, bis an die Zähne bewaffnet, waren in Angst und Bange um ihre Frauen, Kinder und Freunde. In den Leipziger Betrieben und der Karl-Marx-Uni hat die zivile SED-Soldateska den ganzen Tag lang die Bevölkerung vor der konsequenten Niederschlagung der Abenddemo gewarnt. Aus der mittleren Ebene der SED-Militärs, von den perfekt integrativen Befehlsempfängern und zugleich Befehlsgebern kam die größte Gefahr. Die Parole war: „Heute wird ein für alle mal Schluss gemacht mit der Konterrevolution!“

Ein dokumentiertes, historisch brisantes Ereignis:
Ein Oberstleutnant, Stabschef der 21. Bereitschaftspolizei „Arthur Hoffmann“, kaserniert in der Essener Straße in Leipzig, gab am 9. Oktober 1989 in Vorbereitung des abendlichen Einsatzes im Rahmen einer Belehrung seinen prophylaktischen Schießbefehl: „Wenn sie auf meinen Befehl nicht auf das bewusste Knöpfchen des PKT drücken, dann stehen sie am nächsten Tag wegen Befehlsverweigerung vor dem Militärstaatsanwalt“. (PKT war das Kürzel für die Maschinengewehre im Turm der gepanzerten Fahrzeuge.) Über diese Belehrung haben sich die Bereitschaftspolizisten im Januar 1990 in einem Brief an das Leipziger Bürgerkomitee, Sachgebiet Betriebsräte/Gewerkschaften, beschwert. Am 7. März 1990 fand in der Leipziger Braustraße 17 ein historisches Gespräch statt. Das Protokoll enthält die Sätze: „Der oben genannte Brief wurde verlesen. Herr OSL Wächtler akzeptierte im Gespräch, dass die im Brief dargestellte Formulierung bzgl. des „Knöpfchendrückens“ von der inhaltlichen Aussage her wahr ist.“ Das archivierte (und heute vergessene) Protokoll wurde unterschrieben vom OSL Wächtler und vom damals zuständigen Bürgerkomitee-Mitglied Mey.
Die Unterlagen zu diesem Vorgang wurden zugeleitet dem Staatsanwalt des Bezirkes Leipzig, dem Militärstaatsanwalt Leipzig und im zeitlichem Abstand zweifach dem Sächsischen Staatsministerium des Inneren. In verschiedenen Antwortschreiben bis 1992 können Formulierungen wie „zur weitern Bearbeitung übergeben“ oder „willkürliche Maßnahmen also nicht möglich“ im ABL Archiv Bürgerbewegung Leipzig e. V. nachgelesen werden.
Im Januar 1993 wurde aus Dresden mitgeteilt, dass der Referatsleiter für Organisation der Bereitschaftspolizei, Polizeioberrat Alfred Wächtler, kurz vor seiner Verbeamtung steht. Die archivierten Dokumente von 1989/90 (Brief der Bereitschaftspolizisten, Gesprächsprotokoll, Schriftverkehr) waren damals noch „warm“. Die Printmedien hatten darauf Zugriff und berichteten ab 28. Januar 1993 am laufenden Band und im Osten Deutschlands flächendeckend.
Für die Dresdener Staatsregierung waren diese Zeitungsberichte extrem peinlich. Am 27.1.1993 hieß es gegenüber der Leipziger Volkszeitung, die Unterlagen müssten erst zusammengesucht werden. Bevor dies geschah, reiste im Februar 1993 der hohe Beamtenhelfer Polizeidirektor a. D. Hubertus Nowak, ehemals Leiter der Polizeidirektion Ulm, von Dresden nach Leipzig. Er hatte noch vier Ohren mit, die außer „Guten Tag“ und „Auf Wiedersehen“ nichts gesagt haben. Roland Mey empfand es so, als sollte zunächst eruiert werden, ob vielleicht für den anderen, nicht zur Verbeamtung vorgesehenen Protokoll-Unterschreiber vom 7.3.1990 eine „amtliche Psychopath- Abstempelung“ möglich ist; ganz im Sinne der Stasi-Methode GHG. Guck und Horch liefen sehr stasikonform; Greif war glücklicherweise nicht mehr möglich! Als dem Wessi-Helfer die „Irreerklärung“ unmöglich schien, da wurde das ungleiche „3 zu 1 Treffen im Leipziger Rathaus“ grotesk: Der Mann aus Ulm behauptete ernsthaft, dass die Schießbefehl-Belehrung nur der selbstverständlichen „Fürsorgepflicht eines Vorgesetzten gegenüber seinen unterstellten Mitarbeitern“ geschuldet war. Erst die Gegenfrage nach der Fürsorgepflicht gegenüber den 70 tausend Montagsdemonstranten brachte den Leitenden Polizeidirektor a. D. zum Nachdenken über den vorauseilenden Gehorsam des SED-Kommandeurs.
Leipzig, 20 Jahre nach der ddR, am 7.3.2010
Nachwort zum prophylaktischen Schießbefehl
Das Schlimmste in der DDR war für mich die geistige Unterdrückung; die fehlende Schreibe- und Redefreiheit! Als diese mit unserer deutschen demokratischen Revolution erkämpft war, habe ich als ehemaliger „Schütze Arsch im letzten Glied“ in einem Wonnegefühl von Rede- und Schreibefreiheit quasi „gebadet“. Zwischen 1989 und ca. 1994 erschienen von mir unzählige Artikel in verschiedenen Zeitungen (FAZ, Die Zeit, Die Welt, LVZ u. a.). Von 1990 bis 1994 war ich Stadtratsmitglied in Leipzig. Die DDR hatte ich mit der „Methode Humor“ für mich erträglicher gemacht. Diese Methode hat mir in den folgenden Jahren geholfen, die verschiedenen persönlichen Enttäuschungen „der freien Welt“ besser verarbeiten zu können. Das sollte bekannt sein, bevor weitergelesen wird.
Im Leipziger Bürgerkomitee hatten meine Freunde und ich 1989/90 situationsbedingt ein naives Bild vom westdeutschen Bürger: fachlich kompetent, charakterlich sauber und grundsätzlich in weißer Weste. Am 6.10.1993 veröffentlichte die FAZ meinen Artikel „Leipziger Erfahrungen mit westlichen Helfern“ mit dem Satz „Ich kann mich an keine persönliche Einschätzung erinnern, die so extrem verfehlt war.“ Unmittelbar danach erhielt ich schriftlichen Beifall von einigen FAZ-Lesern aus dem Westen. Während meines „bundesrepublikanischen Lebens“ sammelte ich weitere solche Erlebnisse im Gedächtnis. In meinem Buch „Humoresken aus der DDR“ mit dem Untertitel „SED-Diktatur erlebt als Elend, in Schlaraffia und im Bürgerkomitee Leipzig“ - ISBN 978-3-9811061-3-8, www.osirisdruck.de, „Selbstverlag“, 100 Seiten mit 14 Bildern/Grafiken, 1. Auflage Leipzig 2007 - steht auf Seite 89 die komprimierte Konsequenz meiner Lebenserfahrung: „Wer Doktor ist, bestimme ich! Das ist in vernünftigen Zeiten ein schizophrener Satz; aber in schizophrenen Zeiten ein vernünftiger Satz. Welche geistigen Zeiten wir jetzt haben, das muss ich allerdings jedem Leser selbst überlassen.“
Historiker und Interessierte können in den Stadt-Archiven von Leipzig und Frankfurt am Main eine andere umfangreiche Dokumentation sichten unter dem Titel „Das Zusammentreffen von Profession und Vision nach friedlicher Revolution“. Dort soll später auch ein Unikat, die Familie spricht bezüglich Größe und Format von meinem „narzisstischen Telefonbuch“, mit mehr als 100 A4-Seiten Zeitungsberichten aus dem „Schallmey-Verlag Leipzig 1994“ archiviert werden unter dem inzwischen antiquierten Titel „Biete hochinteressante vierjährige Leipziger Ossi-Umbrucherlebnisse - suche hochkarätige sattelfeste Frankfurter Wessi-Karriere.“
Die Geruchsproben und der O-Ton:
Vor einiger Zeit besuchten mich zwei junge Historiker mit Apparaten aus dem Archiv Bürgerbewegung Leipzig. Sie hatten mehr als 100 „Funde“ von mir oder über mich gefunden und nannten das „Fundstellenübersicht“. Nun wollten sie von mir zwar keine Geruchsprobe, wie für die Stasi-Hunde üblich; aber sie haben mir einen so genannten O-Ton „abgenommen“. Jetzt hoffe ich, dass die sich mit "ihrem" Originalton total verschätzt haben. Ich will nämlich noch viele Jahre in Schulen Zeitzeugengesprächen realisieren unter dem Motto: Mit historischem Humor ohne Belehrung zur politischen Bildung!
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Der Schießbefehl vom 9.Oktober 1989
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… wurde prophylaktisch erteilt
in der Kaserne in der Essener Straße (7025 Leipzig)
in Vorbereitung der 21. VP-Bereitschaft „Arthur Hoffmann“ auf den Einsatz gegen die Demonstranten vom 9. Oktober 1989.
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… wurde 2010 in der Hoffnung auf Aufarbeitung erneut archiviert im Archiv Bürgerbewegung Leipzig (ABL) und
im Zeitgeschichtlichen Forum Leipzig.
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Zum Schießbefehl vom 9. Oktober 1989
Legende: Der Schießbefehl, der zu unser aller Glück „nur“ ein prophylaktischer war, wurde im Rahmen der Vorbereitung auf den Einsatz am Abend durch den „vorauseilenden Gehorsam“ eines militanten SED-Kommandeurs am 9.10.1989 an Bereitschaftspolizisten gegeben. Die „Befehlsunterlagen“ wurden 1990/91 archiviert, im Januar 1993 von den Printmedien „aufgestöbert“ und danach von uns allen wieder vergessen. In keinem Buch wird darüber berichtet; weder im historisch wichtigen Buch von Martin Jankowski „Der Tag, der Deutschland veränderte – der 9. Oktober 1989“; Evangelische Verlagsanstalt GmbH, Leipzig 2007, noch im schönen Heft von Doris Mundus „Leipzig 1989 – eine Chronik“, Lehmstedt-Verlag, Leipzig 2009, wo der historisch brisante Vorgang eigentlich hin gehört.
Dass der Sächsische Revolutionsgeschichtsschreiber Nr. 1A Michael Richter, der lange Jahre am Dresdner Institut für Totalitarismusforschung auf Kosten der Steuerzahler viel Papier beschrieben und in Druck gebracht hat, im Jahr 2010 von einem Journalisten (Die Welt) als "Der fleißige IM Thomas" enttarnt wurde, hat in Fachkreisen eingeschlagen wie eine Bombe. Mir wurde erst danach klar, warum der mit an die neue Zeit angepassten Methoden weiter arbeitende IM Thomas meine zugearbeitete "Dokumentation zum Schießbefehl vom 9. Oktober 1989" in seinen Büchern immer wieder ignoriert hatte. Insbesondere die SED-Soldateska der mittleren Ebene in Zivil sowie in Uniform hatte sich damals sehr konkret auf die blutige Zerschlagung der Friedlichen Revolution vorbereitet.
Seit Oktober 2011 wird in Leipziger Buchhandlungen, an den Büchertischen im Leipziger Stasi-Museum in der "Runden Ecke" sowie im Zeitgeschichtlichen Forum und im Internet unter www.osirisdruck.de das Buch "Der Schießbefehl am 9. Oktober 1989" mit dem Untertitel "... mit den Dokumenten des Schreckens und vielen Erlebnissen aus der DDR" für 10,- € zum Kauf angeboten. Das Buch des Autors Roland Mey ist im Verlag OsirisDruck Leipzig erschienen, hat das Format A5 und 138 Seiten. Wer noch immer die Gefahr der blutigen Niederschlagung der firedlichen Oktoberrevolution von 1989 im historischen Rückblick verkennt, der kann in diesem Buch nachlesen und Dokumente sichten.
Roland Mey, Leipzig 2011
08. März 10 | Autor: schallmey | 0 Kommentare | Kommentieren
Anlässlich des 20. Jahrestages der deutschen demokratischen Revolution empfangen die Leipziger im Jahr 2009 zur Würdigung der ddR Gäste aus der ganzen Welt.
Roland Mey, 1989 bis 1990 Mitglied des Leipziger Bürgerkomitees zur Auflösung der SED-Diktatur, leistet mit diesem Aufsatz anlässlich des ddR-Jubiläums seinen Beitrag zur Richtigstellung deutscher und amerikanischer Geschichte.
Anfang der 1970er Jahre
wurde in der Deutschen Demokratischen Republik der gewerkschaftliche Solidaritätsbeitrag zur Finanzierung der sowjetischen Materialfront des Vietnam-Krieges erhöht. Alle Lehrer der Ingenieurschule für Bauwesen in Leipzig hatten auf einer SED-Aufforderungsliste unterschrieben. Aus Existenzangst unterschrieb ich als Letzter, setzte hinter meinem Namen einen Stern und schrieb dazu am unteren Blattende die Legende „Befristet auf 6 Monate“. Unmittelbar danach erklärten mich die mächtigen SED-Genossen als absolut naiv und für ihre Ingenieurschule unzumutbar. Ich erhielt den Auftrag, dieses Debakel auf dem Verpflichtungszettel des Lehrerkollegiums schnellstens zu beseitigen. Mit zitternden Knien kürzte ich mit einer Schere die Unterschriftsliste um den untersten Streifen, der mit meiner Legende beschriftet war. (Kleine Anpassung.) Mein Bruder hat zeitgleich nicht nur den Solibeitrag nicht gezahlt, er ist sogar aus dem FDGB ausgetreten. Der „Freie Deutsche Gewerkschaftsbund“ war in der DDR der flächendeckende „Transmissionsriemen“ zwischen den SED-Diktatoren und den parteilosen Bürgern. Gerhard Mey musste mit ausgezeichnetem Solistenexamen und 1. Preis im Carl-Maria-von-Weber-Wettbewerb auf eine Pianistenkarriere verzichten. Er spielte Klavierkonzerte in großen und kleinen Konzertsälen der DDR. Die Bühnen in Berlin, Leipzig und Dresden blieben ihm verwehrt; natürlich auch die der Bundesrepublik, von denen er Einladungen hatte. (Keine Anpassung.)
Der Gewandhausmusikdirektor
Kurt Masur hat etwa zeitgleich seinen Solibeitrag zur Finanzierung der sowjetischen Materialfront des Vietnamkrieges mit einer Schallplattenaufnahme geleistet. Auf der Rückseite der mit Stahlhelm auf einem Frauenkopf bebilderten Schallplatte „Solidarität – jetzt erst recht!“ mit dem Text „Freiheit für das tapfere vietnamesische Volk, das entschlossen gegen den imperialistischen Aggressor kämpft“ unterschrieb Kurt Masur mit den Worten „… bin ich für die Gelegenheit dankbar, mit meinem künstlerischen Beitrag den in der DDR fest begründeten Gedanken der Solidarität mit dem vietnamesischen Volk unterstützen zu können.“ Solche gewünschten Worte von Prominenten hat die SED-Diktatur sofort genutzt und den in der DDR permanenten Antiamerikanismus erneut aktualisiert und vom Volk eingefordert. (Charakterfreie, Karriere fördernde Anpassung.)
Am 9. Oktober 1989
sprach Kurt Masur gegen 18 Uhr zu Beginn der alles entscheidenden Montagsdemonstration der deutschen demokratischen Revolution, die die schnelle Beendigung des realen Sozialismus zum Ziel hatte, nach vorheriger Absprache mit den führenden Sekretären der SED-Bezirksleitung über den Leipziger Stadtfunk und sagte u. a.: „Wir alle brauchen freien Meinungsaustausch über die Weiterführung des Sozialismus in unserem Land.“ Diese risikofreie, zeitoptimierte Anpassung wurde später so gedeutet, als habe sich Kurt Masur am 9. Oktober 1989 in Leipzig „vor die Gewehrläufe gestellt“. In Wahrheit war er während der alles entscheidenden Demo, als die Gefahr der blutigen Niederschlagung am größten war, hinter „kugelsicherem Glas“. Masurs wirklicher Anteil an der Befreiung der Ostdeutschen war ebenso Null, wie der der SED-Bezirksleitungsgenossen Pommert, Wötzel, Meyer und der des Inoffiziellen Mitarbeiters des Staatssicherheitsdienstes IM Zimmermann. (Die IM hatten in der DDR die Aufgabe, die Bevölkerung zu bespitzeln!) Den friedlichen Verlauf der Revolution haben die „Leipziger Sechs“ um Kurt Masur mit ihrem Aufruf zu „freiem Meinungsaustausch über die Weiterführung des Sozialismus“ auch nicht initiiert. Der ist zurückzuführen auf die mutigen Taten der Ungarn, Tschechen und Polen und nicht zuletzt auf Gorbatschow. Ohne diese entscheidenden Rahmenbedingungen hätten uns Honecker, Mielke und der öffentliche Befürworter der blutigen Niederschlagung der chinesischen Revolution Egon Krenz am 9. Oktober 1989 in den „himmlischen Frieden“ und in unsere Wohnungen zurück geschossen. Es ist eine Geschichtsfälschung und ein Schlag in die Gesichter der 70.000 Demonstranten vom 9. Oktober 1989 in Leipzig, wenn die „Leipziger Sechs“ noch heute von den Leipziger Medien als „Protagonisten des 9. Oktober 1989“ bezeichnet werden. Zur damaligen Zeit haben Trittbrettfahrer und schlaue Wendehälse ihre Wendegeschwindigkeit nämlich so optimal an den Verlauf der Revolution angepasst, dass sie im Fall der Niederschlagung ihre privilegierten Posten hätten behalten können.
Karrieren werden in Diktaturen grundsätzlich nicht nur durch Fähigkeiten, sondern immer auch mit Anpassung gemacht, die aus Angst und Charakterschwäche individuell differenziert entsteht. Masur als „Dirigent und Revolutionär“ – ein amerikanischer Irrglaube und noch heute von den Medien so verbreitet! Bei allen Fehlern und Unmenschlichkeiten, die die US-Amerikaner bei dem Versuch der Verhinderung der angekündigten gewaltsamen weltweiten Ausbreitung des Kommunismus im Vietnamkrieg zu verantworten hatten: Wenn das die US-Amerikaner zu Beginn der 90er Jahre gewusst hätten, dann wäre Kurt Masur mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit in New York nicht (aus der zweiten Dirigentenreihe heraus) ein großer Nachfolger des riesengroßen Arturo Toscanini geworden.

Auf dem Bild die Hülle der Schallplatte „Solidarität – jetzt erst recht!“, die im Buch von Roland Mey „Humoresken aus der DDR“, mit dem Untertitel „SED-Diktatur erlebt als Elend, in Schlaraffia und im Bürgerkomitee Leipzig“ (ISBN 978-3-9811061-3-8) in der 3. erweiterten Auflage (OsirisDruck, Leipzig 2008, Format A5, 100 Seiten, 8,50 €) neben vielen weiteren „Revolutionsthemen“ veröffentlicht ist.
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PS.:
Info an Nicht-Musiker zum komplexen Verständnis des „amerikanischen Irrglaubens“
Behauptung:
Kurt Masur (mit Honecker per Du) hat 1990 nicht zur 1. Dirigentenreihe gehört!
Implizierte Frage:
Warum hat er sich, durch das Leipziger Revolutionsgeschehen nach oben gebracht, dann aber an der Weltspitze so lange behaupten können und wurde sogar noch weitergereicht (New York - Paris - London)? Die mit Abstand besten Orchester der Welt waren schon damals in New York, Boston und Berlin, Wien London.
Antwort:
Vom Pult aus gelingt es den riesengroßen Dirigenten nicht immer, die Weltspitzen-Musiker „unter ihnen“ als ihresgleichen zu behandeln. Das aber hat Masur am Pult in Amerika ausnahmslos getan und war so menschlich sehr beliebt. (Allerdings soll er weit ab von den USA während eines Interviews im deutschen Fernsehen auf die Frage, was er besonders gern mit den Weltspitzen-Musikern in New York arbeite, sinngemäß geantwortet haben: Er müsse ihnen beibringen, wie man Beethoven spielt! Wenn das nicht an dümmliche Arroganz grenzt, was dann?)
Zwei direkte Negativ-Beispiele aus der Musikgeschichte:
# Als der Pauker der Wiener Philharmoniker von Karajan über die Zeitversetzung eines Schlages instruiert wurde und nur darauf verwies, dass in seinen Noten dies anders, als von Karajan verlangt, gedruckt sei, da legte Karajan ohne Antwort den Taktstock auf das Pult und verabschiedete sich vom Orchester mit den Worten „Die Probe geht weiter, wenn ein neuer Pauker da ist!“
# Und von Arturo Toscanini wird berichtet, dass er den seinerzeit größten Pianisten aus einer Konzertprobe heraus „zum Üben nachhause geschickt“ haben soll. Allerdings war Artur Rubinstein damals der Schwiegersohn vom Toscanini.
Die Musik-Geschichtsschreibung
wird das alles ebenso dokumentieren wie den „amerikanischen Irrglauben“, der möglichst noch zu Lebzeiten des Leipziger Maestro veröffentlicht werden sollte!
Leipzig, im ddR-Jubiläumsjahr 2009
R. Mey

Roland Mey, 1989 bis 1990 Mitglied des Leipziger Bürgerkomitees zur Auflösung der SED-Diktatur, leistet mit diesem Aufsatz anlässlich des ddR-Jubiläums seinen Beitrag zur Richtigstellung deutscher und amerikanischer Geschichte.
Anfang der 1970er Jahre
wurde in der Deutschen Demokratischen Republik der gewerkschaftliche Solidaritätsbeitrag zur Finanzierung der sowjetischen Materialfront des Vietnam-Krieges erhöht. Alle Lehrer der Ingenieurschule für Bauwesen in Leipzig hatten auf einer SED-Aufforderungsliste unterschrieben. Aus Existenzangst unterschrieb ich als Letzter, setzte hinter meinem Namen einen Stern und schrieb dazu am unteren Blattende die Legende „Befristet auf 6 Monate“. Unmittelbar danach erklärten mich die mächtigen SED-Genossen als absolut naiv und für ihre Ingenieurschule unzumutbar. Ich erhielt den Auftrag, dieses Debakel auf dem Verpflichtungszettel des Lehrerkollegiums schnellstens zu beseitigen. Mit zitternden Knien kürzte ich mit einer Schere die Unterschriftsliste um den untersten Streifen, der mit meiner Legende beschriftet war. (Kleine Anpassung.) Mein Bruder hat zeitgleich nicht nur den Solibeitrag nicht gezahlt, er ist sogar aus dem FDGB ausgetreten. Der „Freie Deutsche Gewerkschaftsbund“ war in der DDR der flächendeckende „Transmissionsriemen“ zwischen den SED-Diktatoren und den parteilosen Bürgern. Gerhard Mey musste mit ausgezeichnetem Solistenexamen und 1. Preis im Carl-Maria-von-Weber-Wettbewerb auf eine Pianistenkarriere verzichten. Er spielte Klavierkonzerte in großen und kleinen Konzertsälen der DDR. Die Bühnen in Berlin, Leipzig und Dresden blieben ihm verwehrt; natürlich auch die der Bundesrepublik, von denen er Einladungen hatte. (Keine Anpassung.)
Der Gewandhausmusikdirektor
Kurt Masur hat etwa zeitgleich seinen Solibeitrag zur Finanzierung der sowjetischen Materialfront des Vietnamkrieges mit einer Schallplattenaufnahme geleistet. Auf der Rückseite der mit Stahlhelm auf einem Frauenkopf bebilderten Schallplatte „Solidarität – jetzt erst recht!“ mit dem Text „Freiheit für das tapfere vietnamesische Volk, das entschlossen gegen den imperialistischen Aggressor kämpft“ unterschrieb Kurt Masur mit den Worten „… bin ich für die Gelegenheit dankbar, mit meinem künstlerischen Beitrag den in der DDR fest begründeten Gedanken der Solidarität mit dem vietnamesischen Volk unterstützen zu können.“ Solche gewünschten Worte von Prominenten hat die SED-Diktatur sofort genutzt und den in der DDR permanenten Antiamerikanismus erneut aktualisiert und vom Volk eingefordert. (Charakterfreie, Karriere fördernde Anpassung.)
Am 9. Oktober 1989
sprach Kurt Masur gegen 18 Uhr zu Beginn der alles entscheidenden Montagsdemonstration der deutschen demokratischen Revolution, die die schnelle Beendigung des realen Sozialismus zum Ziel hatte, nach vorheriger Absprache mit den führenden Sekretären der SED-Bezirksleitung über den Leipziger Stadtfunk und sagte u. a.: „Wir alle brauchen freien Meinungsaustausch über die Weiterführung des Sozialismus in unserem Land.“ Diese risikofreie, zeitoptimierte Anpassung wurde später so gedeutet, als habe sich Kurt Masur am 9. Oktober 1989 in Leipzig „vor die Gewehrläufe gestellt“. In Wahrheit war er während der alles entscheidenden Demo, als die Gefahr der blutigen Niederschlagung am größten war, hinter „kugelsicherem Glas“. Masurs wirklicher Anteil an der Befreiung der Ostdeutschen war ebenso Null, wie der der SED-Bezirksleitungsgenossen Pommert, Wötzel, Meyer und der des Inoffiziellen Mitarbeiters des Staatssicherheitsdienstes IM Zimmermann. (Die IM hatten in der DDR die Aufgabe, die Bevölkerung zu bespitzeln!) Den friedlichen Verlauf der Revolution haben die „Leipziger Sechs“ um Kurt Masur mit ihrem Aufruf zu „freiem Meinungsaustausch über die Weiterführung des Sozialismus“ auch nicht initiiert. Der ist zurückzuführen auf die mutigen Taten der Ungarn, Tschechen und Polen und nicht zuletzt auf Gorbatschow. Ohne diese entscheidenden Rahmenbedingungen hätten uns Honecker, Mielke und der öffentliche Befürworter der blutigen Niederschlagung der chinesischen Revolution Egon Krenz am 9. Oktober 1989 in den „himmlischen Frieden“ und in unsere Wohnungen zurück geschossen. Es ist eine Geschichtsfälschung und ein Schlag in die Gesichter der 70.000 Demonstranten vom 9. Oktober 1989 in Leipzig, wenn die „Leipziger Sechs“ noch heute von den Leipziger Medien als „Protagonisten des 9. Oktober 1989“ bezeichnet werden. Zur damaligen Zeit haben Trittbrettfahrer und schlaue Wendehälse ihre Wendegeschwindigkeit nämlich so optimal an den Verlauf der Revolution angepasst, dass sie im Fall der Niederschlagung ihre privilegierten Posten hätten behalten können.
Karrieren werden in Diktaturen grundsätzlich nicht nur durch Fähigkeiten, sondern immer auch mit Anpassung gemacht, die aus Angst und Charakterschwäche individuell differenziert entsteht. Masur als „Dirigent und Revolutionär“ – ein amerikanischer Irrglaube und noch heute von den Medien so verbreitet! Bei allen Fehlern und Unmenschlichkeiten, die die US-Amerikaner bei dem Versuch der Verhinderung der angekündigten gewaltsamen weltweiten Ausbreitung des Kommunismus im Vietnamkrieg zu verantworten hatten: Wenn das die US-Amerikaner zu Beginn der 90er Jahre gewusst hätten, dann wäre Kurt Masur mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit in New York nicht (aus der zweiten Dirigentenreihe heraus) ein großer Nachfolger des riesengroßen Arturo Toscanini geworden.

Auf dem Bild die Hülle der Schallplatte „Solidarität – jetzt erst recht!“, die im Buch von Roland Mey „Humoresken aus der DDR“, mit dem Untertitel „SED-Diktatur erlebt als Elend, in Schlaraffia und im Bürgerkomitee Leipzig“ (ISBN 978-3-9811061-3-8) in der 3. erweiterten Auflage (OsirisDruck, Leipzig 2008, Format A5, 100 Seiten, 8,50 €) neben vielen weiteren „Revolutionsthemen“ veröffentlicht ist.
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PS.:
Info an Nicht-Musiker zum komplexen Verständnis des „amerikanischen Irrglaubens“
Behauptung:
Kurt Masur (mit Honecker per Du) hat 1990 nicht zur 1. Dirigentenreihe gehört!
Implizierte Frage:
Warum hat er sich, durch das Leipziger Revolutionsgeschehen nach oben gebracht, dann aber an der Weltspitze so lange behaupten können und wurde sogar noch weitergereicht (New York - Paris - London)? Die mit Abstand besten Orchester der Welt waren schon damals in New York, Boston und Berlin, Wien London.
Antwort:
Vom Pult aus gelingt es den riesengroßen Dirigenten nicht immer, die Weltspitzen-Musiker „unter ihnen“ als ihresgleichen zu behandeln. Das aber hat Masur am Pult in Amerika ausnahmslos getan und war so menschlich sehr beliebt. (Allerdings soll er weit ab von den USA während eines Interviews im deutschen Fernsehen auf die Frage, was er besonders gern mit den Weltspitzen-Musikern in New York arbeite, sinngemäß geantwortet haben: Er müsse ihnen beibringen, wie man Beethoven spielt! Wenn das nicht an dümmliche Arroganz grenzt, was dann?)
Zwei direkte Negativ-Beispiele aus der Musikgeschichte:
# Als der Pauker der Wiener Philharmoniker von Karajan über die Zeitversetzung eines Schlages instruiert wurde und nur darauf verwies, dass in seinen Noten dies anders, als von Karajan verlangt, gedruckt sei, da legte Karajan ohne Antwort den Taktstock auf das Pult und verabschiedete sich vom Orchester mit den Worten „Die Probe geht weiter, wenn ein neuer Pauker da ist!“
# Und von Arturo Toscanini wird berichtet, dass er den seinerzeit größten Pianisten aus einer Konzertprobe heraus „zum Üben nachhause geschickt“ haben soll. Allerdings war Artur Rubinstein damals der Schwiegersohn vom Toscanini.
Die Musik-Geschichtsschreibung
wird das alles ebenso dokumentieren wie den „amerikanischen Irrglauben“, der möglichst noch zu Lebzeiten des Leipziger Maestro veröffentlicht werden sollte!
Leipzig, im ddR-Jubiläumsjahr 2009
R. Mey

05. März 10 | Autor: schallmey | 0 Kommentare | Kommentieren

Wahre Freude ist eine ernste Sache! Nehmen Sie diese Erkenntnis als Lebensphilosophie! Das Universum des gesellschaftlichen Lebens enthält alle Themen. Meine Empfehlung: Bearbeiten Sie alles mit der „Methode Humor“!
Zwei extreme Beispiele:
1. Thema: Politische Bildung; insbesondere für
Jugendliche eine trocken-spröde Sache!
Methode: Humor!
Projekt: Mit historischem Humor ohne Belehrung zur
politischen Bildung.
Erfahrung: Funktioniert in Schulen bestens: Immer
disziplinierte Schüler, oft Fragen, manchmal
der Wunsch nach weiteren Gesprächen.
2. Thema: Gesundheit durch Lachen!
Methode: Humor (obligat)!
Hypothese: Mit den „Humoresken aus der DDR“ ist
auch das vermittels Buchlesung /
Erzählung möglich. (Probieren Sie die Leseproben!)
Behauptung: So wie meine zweieinhalbjährige Enkeltochter den Positiv von „sauer“ extrem gesteigert hat, so muss sich auch der Nominativ von „Lachen“ steigern lassen! Charlotte übersprang sowohl den Komperativ „sauerer“ als auch den Superlativ „am sauersten“ und erfand in ihrem Ärger den alle Steigerungsformen vereinigenden Charlottativ „Ich bin sauer – ich bin stinkesauer!“ (Zur Leipziger Situation in Kitas hatte die kleine Charlotte am 16.2.2009 in der LVZ ihren Beitrag unter der Überschrift "Mein Opa, der Holzwurm" veröffentlicht.) Charlotte hat mich nachträglich auf die Idee gebracht: Auch der Nominativ „Lachen“ muss steigerungsfähig sein: Wenn in den angebotenen klassischen Lach-Kursen das „Fratzenziehen“ und das „Zungerauslecken“ durch ein geistreiches Substitut verdrängt werden könnte, dann wird der Gesundheit erhaltende „Wirkstoff“ in der „Lachmedizin“ wesentlich effektiver sein. Ich habe dem "Fratzen-Medium" sofort den Strom entzogen und konnte so nicht erkennen, ob diese Primitiv-Medizin in einem VHS-Kurs oder in einer "Irrenanstalt" appliziert wurde. Seitdem der ausgebildete Briefträger nicht mehr als erfolgreicher Oberarzt Dr. Postel tätig ist, habe ich ohnehin kein Vertrauen mehr in die Psychatrie. (Lesen Sie das hochinteressante Buch "Doktorspiele"; Verlagsangaben und eine kleine Rezension werden hier bald nachgereich!) Allerdings hat meine "Humor-Medizin" auch eine Nebenwirkung, die politische Bildung. Wenn Sie diese Nebenwirkung "in Kauf" nehmen wollen, dann klicken Sie jetzt "auf grün": Leseprobe und mailen Sie mich bei Diskussionsbedarf zur „Methode Humor“ und dem „Wissenschaftlichen Lachen“ danach vermittels zweitem "Grün-Klick" an. Scheiben Sie mir!
